Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

22.10.2005

Poppers Alternativ-Radikalismus

­Durch die gesamte Popperizismus-Kritik ziehen sich Poppers ureigenste binäre Schemata, nicht viel bes­ser als diejenigen, welche schon oft Dialektik vorgeworfen wurden.

„This happens to be his root strategy, the one that I find now in all his early wri­tings and which I do not appre­ciate: he polarizes ideas into acceptable and ob­jectionable and he proposes that one should try as hard as one can (a) to ren­der every idea objectionable, and declare them ac­ceptable only if one fails to render them objectionable de­spi­te hard work and great ef­forts, (b) to render all ac­cep­tab­le ideas accepted by all reasonable people, and (c) to ren­der all ob­jec­ti­onable ones unpalatable to them so as to have everyone reject them willy-nilly." (Agassi 1993a:26)

Zwar ist es notwendig, vor allem wo es um philosophische Klärung geht, sich über grundle­gen­de Differenzen klar zu werden. Doch ist der Weg zur Hölle nicht mit guten Vorsätzen, son­dern grundle­gen­den Optionen gepflastert, über deren Konsequenzen man sich stets treff­lich strei­ten kann. Man sollte jedoch erst den Teufel an die Wand malen, wenn man ihn kennt.

„Es ist indes zu bedenken, dass Werturteile in der Politik zwar wirksame Kam­p­fes­mittel zur Erreichung politischer und also unter Umständen auch sittlicher Zwecke sein können, dass sie aber als Hilfsmittel zur Definition histo­rischer Ent­wicklungstendenzen oder gar Weltanschauungen zu versagen pfle­gen.“ (Michels 1970a:5)

Eine solche dualistische Schablonistik passt natürlich hervorragend zu dem 1945 sich auf­tu­en­den Ost-West-Gegensatz in der beginnenden Ära des Kalten Krieges und ist der älteren deut­schen Ge­neration noch zur Genüge aus der Adenauer-Ära [1]) bekannt. Bell betont deren ge­sell­schaftliche Bedeutung aus der Perspektive der USA [2]).

Dö­ring bewun­dert, mit welchem po­li­ti­schen Gespür Popper schon zu diesem Zeitpunkt sich auf die rechte Seite schla­gen konnte, indem er die Spaltung der Welt in zwei Blöcke vorausge­sehen habe. Das Manu­skript war Oktober 1942 schon Mac­millan in den USA angeboten wor­den, wur­de aber in überarbeiteter Form erst Februar 1944 von Routledge in Lon­don akzeptiert (Jarvie, Shearmur 1996a:445). Man muss allerdings zugeben, dass Poppers Pamphlet wirklich den damaligen Geist der Zeit [3]) philosophisch mund­ge­recht in Tüten verpackt hat.

In dieselbe Ker­be haut Dykes [4]), wenn er dieses Werk als Poppers Beitrag zum Kalten Krieg heraus­streicht und gar für kriegsentscheidend hält.Anscheinend haben die Russen Popper aber nicht richtig kapiert, sonst hätten sie es mit pie­ce-meal engineering versucht anstatt der Schock­therapie (Gerber, Hout 1998a), die sie auf kürze­stem Wege in die sog. "Trans­formations­kri­se" katapultiert hat. Bis jetzt habe ich allerdings kaum ei­nen [5]) Popper­ianer ge­fun­den, der die Russen über ihr fatales Missverständnis auf­ge­klärt hat. Viel­leicht aber ist auch die Wahl der politischen Technik doch nicht sozial­phi­lo­so­phisch sub specie aeternatis zu ent­schei­den, son­dern nur eine Frage der historischen Situa­ti­ons­ein­schät­zung (Steiner, Jadow 1999a) oder des poli­ti­schen Temperaments [6]) des jeweils Ur­tei­len­den.

Diesen Hintergrund unserer letzten politischen Zeitgeschichte aber kennzeichnete ein tief em­p­fun­de­ner Manichäismus [7]), wie man ihn historisch vorbildlich vor allem in den Kreuz­zü­gen am Wir­ken sah.

„Nur Eines tut Not, alles Andere ist vom Übel. Ha! kommet wieder, ihr Zeiten der christlichen Kraft und Lauterkeit, wo man Böse bös und nicht gut oder halb gut oder nur halbböse nannte! Das waren die rechten Zeiten des Glaubens, als man den Irrtum nur auszusprechen und neben die Wahr­heit zu stellen brauch­te, um den Prozess zu instruieren und sogleich zu Ende zu bringen, d. h. als man an die Wahrheit noch glaubte! So, in diesem Gegensatze, mit dieser ein­fa­chen Ne­ben­ein­an­der­stellung des Wahren und Falschen kämpften ein Tertul­lia­nus, ein heil. Bern­hard und - sie siegten. Verum est index sui et falsi." (Bauer 1841a:8)

Diesen Alternativradikalismus, den Bauer hier in seiner „Posaune“ [8]) so meisterlich vor­führt, ist - ganz klar eine radikale Alternative zu Hegels dialektischer Negation - hat er häufig zur schlechten Methode auch der eigenen philosophischen Argumentation er­wählt (McLellan 1969a:52).

In diesem Zusammenhang lässt sich auch Poppers Hysterie [9]) d.h. Überwältigung durch über­mä­ßige Aufgeregtheit verstehen und seine Flucht ins Engagement einer aufs Gegenteil fi­xierten Position, die damit sich be­triebsam hält, den Teufel mit dem Beelzebub auszu­trei­ben. Die eigene Reaktionsbildung wird bestimmt von dem Bild, das man sich vom Gegner macht: Dem Essen­tialismus wird ein vermeint­li­cher Anti-Essentialismus, dem Dogmatismus ein dog­mati­scher An­ti-Dogmatismus gegenübergestellt. Wenn Popper alle Marxisten grund­sätzlich der Art nach mit der Erbsünde des Anti-Essentialismus belas­tet sieht, so ist sein Anti-Essentialis­mus ei­gentlich ein Essen­tialismus. Der Gegner der Prophetie wird zum Gegen­pro­pheten. Doch wie Marx schon im „Elend der Philosophie“ sagte, Propheten werden heutzutage eher noch mehr geprüft denn nor­male Wissenschaftler. Poppers Strategie aber ist in ihrem ra­tionale per se zum Scheitern verurteilt, weil sie gerade das zu Hilfe nimmt, was sie zu bekämp­fen vorgibt.



[1]) „Konrad Adenauer glaubte, auf prominente Exnazis wie den Kommentator der Nürnberger Rassege­set­ze, Hans Globke, nicht verzichten zu können. Der wiederhergestellte Justizapparat er­teilte sich Generalabso­lu­tion. Kein einziger Richter des na­tionalsozialistischen Volksgerichtshofs musste sich je verantworten. In ohnmächtigem Zorn erlebten junge, demokratisch ge­sinnte Juri­sten, wie Nazirichter des Bundesgerichtshofs über Kommunisten richteten und sie (verfassungs­widrig) wegen Taten verurteilten, die sie vor dem Erlass des Verbotsurteils gegen die KPD 1956 begangen hatten. Die allgegenwärtige Angst vor den ‘Russen’ führte zur Kriminalisierung selbst harmlosester Kontakte zur DDR: ein Antitotalitarismus ohne demokratischen Kon­sens." (Semler 1999a)

[2]) „Politics today is not a reflex of any internal class divisions but is shaped by international events. And foreign policy, the expression of politics, is a response to many factors, the most im­portant of which has been the esti­mate of Russian intentions. This estimate, the need for contain­ment, made initiallly by Kennan, Ache­son, and Tru­man and followed, with little fundamental chan­ge, by the succeeding administration, has set in its wake a whole con­sequent of political and social changes: the military build-up, regional military alliances, the creation of a ‘dual eco­no­my’, a new role for science and scientists - all of which have reworked the map of American society." (Bell 1965a:14)

[3]) "The book pops up unexpectedly in a philosophical desert and, moreover, at the moment when the last fruits of Plato's and Hegel's political Philosophies lie crushed under the Allied tanks and when the so-called West unites against its erstwhile allies, Marx's heirs. Consequently, The Open Society is widely regarded as a scholarly epitaph to totalitarian ideologies and a standard re­fe­rence work about them. One must wonder what reception it would have gotten either 10 years ear­lier or 50 years later." (Bunge 1996a:552)

[4]) „His Open Society has been translated into many languages and is widely cre­di­ted with con­tri­buting to the demise of communist dictatorship in Eastern Eu­rope: it circulated behind the Iron Curtain in forbidden samizdat form for de­ca­des.” (Dykes o.J)

[5]) Die einzige Ausnahme: Andreas Pickel, Schocktherapie als rationale Reformstrategie? Eine Kritik der theoretischen Grundlagen radikaler Marktkonzepte und ein Plädoyer für Reformgradualismus, in: (Albert, Sala­mun 1993a)

[6]) A propos Russland und China sagte der Vizepräsident der Weltbank, Joseph Stiglitz: „Wir haben gelernt, dass man den sozia­len Zusammenhalt zerstören, das Vertrauen untergraben, eine Elite bereichern und die anderen ärmer machen kann, wenn man darauf besteht, ein Land zu schnell umzuwandeln." „Vizepräsident der Weltbank lobt Chinas Politik", TV 26./27.06.99

[7]) Augustins Anti-Schriften sind das wichtigste Zeugnis über diese Lehre, welche auf den per­sischen Propheten Mani (216-276) zurückgeht und den Kampf zwischen Gut und Böse als eine kos­mische Spaltung darstellt (Schöpf 1981a:157).

[8]) „Dies Buch ist schon darum für die Stellung Hegels so wichtig, weil es zeigt, wie oft in He­gel der unabhängi­ge, kühne Denker über den tausend Einflüssen unterworfenen Professor gesiegt hat. Es ist eine Ehrenrettung der Per­sönlichkeit des Man­nes, dem man zumutete, nicht nur da, wo er genial war, über seine Zeit hinauszugehen, sondern auch da, wo er es nicht war. Hier ist der Be­weis, dass er auch dies getan hat." (Engels 1973a:177)

[9]) „Breuer’s discoveries represented an abnormal employment of amounts of excitation which had not been disposed of (conversion)." Breuer, Studies on Hysteria, 1895, aus: Standard Edition of Freud, (zit. nach: Merton 1973a:389)

1 Kommentar:

tyfriend hat gesagt…

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