Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

22.10.2005

Marxens Ausgangspunkt: Empirisch?

Jede Philosophie trifft bestimmte Voraussetzungen. Im ursprünglichen Wortsinn sind das ihre ei­gen­tümlichen Prinzipien: das, wovon etwas seinen Ausgang nimmt (Imbach 1981a:228). Marx und Engels beginnen mit den wirklichen, d.h. hier (anders als bei Hegel): empi­risch fest­stell­ba­ren Voraussetzungen [1]). Im Manuskript gestrichen folgt dar­auf eine Reminiszenz an Fichte [2]). Marx bezieht sich hiermit auf den Unterschied zwischen den „Voraussetzungen" einer The­o­rie oder einer Diskussion (z. B. die Regeln der Logik oder eines Diskurses) und „Annah­men" oder „Prä­missen", aus denen abgeleitet werden soll. Nur zu gerne wird dieser emi­nen­te kategoriale Unterschied übersehen (Albert 1976a:171, Anm. 15).

Für Marx ist hier natürlich vor allem seine Differenz zu Hegel relevant. Hegels System darf sei­nem idealistischen Programm gemäß, die letztlich im Transzendentalismus der kantischen Erkenntnistheo­rie gründet, nichts voraussetzen. Als Materialist setzt Marx die Realität voraus samt den wirklichen Men­schen. Der transzendentale Ansatz einschließlich der mit ihm ein­her­ge­henden Rechtfertigungsstrategie ist schon aus diesem Grunde für ihn blanker Scho­lastizis­mus. Oder in der Terminologie der analy­tischen Erkenntnistheorie: Epistemische Zirkularität ist nur dem epistemischen Internalisten lo­gisch fatal (Grundmann 1997a:638f).

Wenn Popper (1969b:104) sagt, die Erkenntnis beginnt nicht mit Tatsachen, sondern mit Pro­ble­men, so hat er damit zweifelsohne einen wesentlichen Gesichtspunkt getroffen. Dennoch muss sich da­durch keine direkte Inkonsistenz mit Marxens Ausgangspunkt ergeben, da es Marx hier nicht um den Vorrang einer bestimmten logischen Form der Erkenntnis (Frage vs. Be­haup­tung, Datum vs. Theorie etc.) ging, sondern um die Bestimmung der ontologischen Grund­ent­schei­dung [3]). Im Übrigen liegen 1. auch Poppers Problemen einander wi­der­spre­chende The­o­ri­en bzw. Prinzipien zugrunde, die 2. in unterschiedlichen philo­so­phi­schen Sphären (Lask 1911a) beheimatet sein können.

Marx ist aber insoweit Dialektiker, als er sieht, dass diese Menschen einer historisch-kon­kre­ten To­ta­li­tät sozialer Natur angehören. Und mit dieser letzteren Einsicht geht Marx über den ab­strakten Materi­alis­mus Feuerbachs hinaus. Marx ist hier anschlussfähig für eine Er­kennt­nis­the­orie, die Grundmann (1997a:646ff) als „empirischen Naturalismus" bezeichnet: Die Kriterien der er­kenntnistheoretischen Rechtfertigung werden aus einer (sozial-) psychologischen Theorie über Kognition und Prozesse der In­formationsverarbeitung (Klix 1973a) wie Sprechen und Den­ken, insbesondere der Begriffsbildung gewonnen und müssen von daher kompatibel zu ent­spre­chenden Ergebnissen sozialpsychologischer Forschung sein. Die Erkenntnistheorie ver­hält sich somit zur Theorie wissenschaftlichen Erkennens analog einer Messmethode so­wie einer Theo­rie der Messung (inkl. Qualitätskriterien) zu einer be­stimm­ten physikalischen The­o­rie.

Man kann hier allerdings auch das Problem der Begründung von Philosophie angesprochen se­hen. Frei­lich ist hieraus schwer zu entscheiden, ob Marx und Engels dazu Stellung nehmen oder es einfach als „scholastisch" abschneiden wollten. Wie Stegmüller (1974a:XXI) schon be­tont, stellt das Wort „Er­fah­rung" keine Antwort dar, sondern bezeichnet insgesamt ein Pro­blem­feld [4]). Was „Erfahrung" über­haupt ist, hängt von der jeweiligen Philosophie ab (Wendel 1998a:64); so hat­ten es schon Aristoteles und Platon mit einer unterschiedlichen Bestimmung des­sen zu tun, was sie wie unter „Erfahrung" phi­lo­sophisch begreifen (Feyerabend 1976a:206). Popper (1994b:356) sub­sti­tu­iert dem Begriff "Erfahrung" einen methodologischen, nämlich den Begriff der empirisch-wissenschaftlichen Methode.

Der Empirismus fordert nun aber gerade, dass Theorien aus „empirischen Bedingungen" in ir­gend­ei­nem beweiskräftigen Sinne „abgeleitet" werden. Dieses Programm hat eine Zeit lang die Philosophie der Wissenschaft dominiert, wurde dann aber unter starken Beschuss genom­men (Feyer­abend 1962a, 1963a, 1965a; Bohnen 1972a), so dass es heute meist nur noch in stark mo­difi­zier­ter Form vertreten wird (Feigl 1974a). Aber nicht nur dass der Empirismus als eine Va­rian­te des Rechtfertigungs­pro­gramms abgelehnt werden darf. Auch den Begriff des „Beob­acht­baren" darf man keineswegs absolut neh­men.

„Die Sphäre des Beobachtbaren kann sich verschieben und ihre Reichweite sich verändern.“ (Wendel 1998a:65)

Die Stellung von Engels [5]) zum Empirismus erscheint da vergleichsweise als eher wi­der­sprüch­lich. Diese Feststellung verwirrt aber nur dann, wenn wir Engels oder Marx eine The­orie aus einem Guss unterstellen. Dem pünktlichen Leser stellt sich jedoch ganz klar dar, dass beide die verschiedensten Quel­len verwerteten und kritisch überarbeiteten. Wenn sie keine de­klarier­ten Pluralisten waren, so waren sie es zweifelsohne de facto in der Methode ihrer gei­sti­gen Ar­beit. Denn es gibt offensichtlich kaum eine Arbeit von Marx oder Engels, die nicht in ihrem Kern Kritik einer bereits vorhandenen The­o­rie, d.h. also: eine Theorie-Kritik (an Hegel, Feu­er­bach, Proudhon, den englischen National­öko­nomen, den französischen Materialisten und Kom­munisten etc.) darstellt. [6])



[1]) „Die Voraussetzungen, mit denen wir beginnen, sind keine willkürlichen, keine Dogmen, es sind wirk­li­che Voraussetzungen, von denen man nur in der Einbildung abstrahieren kann. Es sind die wirklichen Indivi­du­en, ihre Aktion und ihre materiellen Lebensbedingungen, sowohl die vor­gefundenen wie die durch ihre eigne Aktion erzeugten. Diese Voraussetzungen sind also auf rein empirischem Wege konstatierbar. Die erste Voraussetzung aller Menschengeschichte ist natürlich die Existenz lebendiger menschlicher Individuen." (Deutsche Ideologie, MEW 3:20)

[2]) „Der erste geschichtliche Akt dieser Individuen, wodurch sie sich von den Tieren unter­schei­den, ist nicht, dass sie denken, sondern, dass sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren." Auf derlei Gedanken ist schließlich auch ein Buchanan (1987a:23) verfallen: „We were better off, methodologically speaking, in the less definite Marshallian world when economists did, in fact, stu­dy man in his ordinary business of ma­king a living."

[3]) was Popper vermutlich "eine realistische Position beziehen" nennen würde: Unterstelle ich als „Wirk­lichkeit" oder „reales Sein" den platon-/hegelschen Ideenhimmel oder Feuerbachs Erdenleben?

[4]) "Men kann uitspraken alleen afleiden uit andere uitspraken, niet uit waarnemingen van ge­beurtnissen." (Boon 1974a:352)

[5]) „Während er an den Stellen, wo er sich gegen HEGELS Idealismus abgrenzt, einen strikt em­piristischen Standpunkt ein­nimmt, nachdem selbst die Gesetze der Logik und der Dialektik aus Erfahrung zu gewinnen oder durch Erfahrung zu widerlegen sein sollen, kritisiert er andernorts die Vulgärmaterialisten gerade wegen ihrer Beschränkung auf rein empirische, dem Induk­ti­onsprinzip folgende Forschung und fordert demgegen­über die Reflexion der erkenntnistheoretischen und me­thodischen Grund­lagen der NaturWissenschaften, wobei er nun Erfahrung nur noch als ein - wenn auch sehr wesentliches - Moment des Erkennt­nisprozesses gelten lässt." (Mehringer, Mergner 1973a:51)

[6]) „The need for tenacity was emphasized by those dialectical materialists who objected to ex­treme ‘ideali­stic’ flights of fancy. And the synthesis, finally, is the very essence of dialectical mate­ria­lism in the form in which it appears in the writings of Engels, Lenin, and Trotsky." (Feyerabend 1970a:211)

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Dies schließt also auch nicht aus, die von Marx unterstellten „wirklichen Voraussetzungen" in Form einer expliziten Erkenntnistheorie auszuarbeiten, wie Hahn dies für notwendig hielt:
„Die eigentliche Umschreibung der Funktion der Voraussetzungen der Gesellschaft ist erst möglich in der Sprache der Theorie, unter Verwendung theoretischer Begriffe ... Die empirische Konstatierung der wirklichen Voraussetzungen der Geschichte als solche beinhaltet und setzt voraus das theoretische Bewusstsein der gesetzmäßigen Zusammenhänge des Werdens und Wirkens dieser Umstände." (Hahn 1968a:182f)

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