Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

22.10.2005

Die Entstehung des "Kapital"

„Er weiß sehr wohl, dass meine Entwicklungsmethode nicht die hegelsche ist, da ich Materialist, Hegel Idealist. Hegels Dialektik ist die Grundform aller Dia­lek­tik, aber nur nach Abstreifung ihrer mystischen Form, und dies gerade un­ter­scheidet meine Methode."

Dies schrieb Marx den 6.3.1868 an Kugelmann bezüglich des ersten Re­zen­sen­ten des „Kapi­tal". Noch für Weber [1]) war die Logik des „Kapital" nichts anderes als eine Spielart he­gel­scher Dia­lek­tik.

Zur Quellensituation, welche einer solchen Interpretation vorgegeben ist, muss nun al­ler­dings berücksichtigt werden, dass etliche für die Entstehung der marxschen po­li­tischen Öko­nomie nicht unwichtigen Manuskripte erst erstaunlich spät der Öffentlichkeit zu­gäng­lich wurden:

1932 die Exzerpthefte über den Beginn Marxens ökonomischer Studien Anfang der 1840er Jahre;
1932 das Manuskript„Zur Kritik der Nationalökonomie - Ökonomisch-philosophische Manuskripte", das Marx aufgrund der Exzerpthefte 1844 verfasste;
1939 die „Grundrisse der Kritik der Politischen Ökonomie", die Marx 1857/58 schrieb.

Diese Publikationsgeschichte ist insbesondere relevant zur historisch angemessenen Be­ur­tei­lung der zeitgenössischen Kritik, insbesondere derjenigen Böhm-Bawerks und schließ­lich auch der Webers; aber auch Kautskys, Luxemburgs, Plechanows, Gramscis und auch Le­nins (Schaff 1969a:128). Ebenso ist nicht zu übersehen, dass ebenfalls Webers „Wirt­schaft und Gesell­schaft" erst 1922 posthum publiziert wurde. Erst heute sind vor allem durch Schluch­ters verdienstvolle Her­ausgeberarbeit [2]) Begleitumstände und Entstehung dieses Werkes deutlich er­kenn­bar ge­wor­den. - Zum aktuellen Stand der wissenschaftlichen Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA) siehe Harstick, Neuhaus (1999a).

Die Frage nach der Kontinuität der marxschen Denkens ist nichts weiter als die Frage, ob wir es mit 1, 2, 3, usw. Theorien zu tun haben. Wie bereits Schumpeter zurecht betont hat, ist zu­min­dest dem heutigen Leser die Interpre­ta­tion der marxschen Öko­nomie keine einfache und je­dem Leser direkt zugängliche [3]) Angele­genheit. Seinen Aus­füh­rungen lässt sich drei­erlei ent­nehmen:

(1) Marx hat einen Ansatz geliefert, der eine ernstzunehmende Alternative zu den vor­lie­gen­den Theorieansätzen der ökonomischen Fachdisziplin ist.

(2) Marx nahm eine originelle Sicht bzw. „Vision" [4]) der Gesellschaft und der durch diese ge­prägten Verhältnisse wirtschaftlichen Handelns zum Hintergrund.

(3) Hegels Philosophie aber hat Marxens Terminologie bzw. theoretische Sprache geprägt.



"Eine solche objektive politische Ökonomie kann nur die politische Ökonomie jener Klasse sein, die nicht daran interessiert ist, die Widersprüche des Kapitalismus zu verschleiern und seine Ge­schwü­re zu verbergen, die nicht an der Erhaltung der kapitalistischen Ordnung interessiert ist, de­ren Interessen mit den Interessen der Befreiung der Gesellschaft von der kapitalistischen Knecht­schaft zusammenfallen,... Daher kann eine objektive und uneigennützige politische Ökonomie nur eine politische Ökonomie sein, die sich auf die Inter­es­sen der Arbeiterklasse stützt." (Akademie 1955a:14) Diese Position ist nichts weniger als relativistisch. Das Argument lautet mitnichten, dass alle Wahrheit nur relativ sei, sondern dass von einer an Wahrheit nicht interessierten Seite nicht er­wartet werden kann, dass sie diese wahrhaft darstellt. Wenn Popper daher mit dem Angriff auf die mannheimsche Wissenssoziologie auch den Sowjetmarxismus zu treffen dachte, war er damit ganz schön auf dem Holzweg. Die zitierte Position ist sogar eine begrenzt brauchbare Regel politischer Klug­heit: Vertraue nicht darauf, dass dein Gegner konträr zu seinen Interessen handelt! Der Fehler besteht eher in der Auslegung des Arguments als eine strikt-allgemeine Gesetzesaussage, d.h. als ei­ne Regel, die keinerlei Ausnahme kennt oder der empirischen Kontrolle nicht weiter bedürftig sei. Dass Interessen Erkenntnis­pro­zes­se steuern, ist beste empirische Wissenssoziologie. Es ist jedoch äußerst problematisch, darauf allein schon eine Erkenntnistheorie oder Methodologie gründen zu wollen. Entscheidend scheint vielmehr zu sein, Erkennen und Motivation institutionell auszu­dif­ferenzieren und durch Kontrollmechanismen auszu­balan­cieren.

[1]) „Eine eingehendere Auseinandersetzung mit derjenigen Form der hegelschen Dialektik, wel­che das ‘Ka­pital’ von Marx repräsentiert, hat Roscher nie unternommen." (Weber 1988a:17, Anm.6) Max Weber hat sich selten direkt mit Marx, sondern überwiegend mit dem zeitgenös­si­schen Vulgärmarxismus (in dessen positivi­sti­scher Variante) auseinandergesetzt; vgl. Giddens (1971a:192ff); Kocka (1966a)

[2]) "Max Webers Grundrissbeitrag ist also tatsächlich kein Buch in zwei Teilen unter dem Titel 'Wirtschaft und Gesellschaft'. Es ist vielmehr ein Projekt, von dem es zwei, genau genommen sogar drei Versionen gibt. Die ersten beiden, die eine mit dem 'Stoffverteilungsplan', die andere mit der 'Ein­teilung des Gesamtwerkes' verbunden, las­sen sich auf der Ebene der Texte heute kaum mehr unter­schei­den. Anders verhält es sich mit der Version, die 1919/20 entstand. Sie baut zwar auf dem 'al­ten dicken Manuskript' auf, aber im Sinne gründ­li­cher Umgestaltung. In­sofern ist sie gegenüber die­sem Manuskript selbständig, stellt eine eigene Fassung dar. Wir haben es also zu tun mit drei Ar­beits­phasen an ein und demselben Projekt, wobei die späteren auf den früheren aufbauen, das zu­vor Erreichte umgearbeitet wird und Neues hinzukommt. Erst in der zweiten Arbeitsphase ent­ste­hen bei­spiels­weise Herrschafts- und Religionssoziologie, in der dritten Arbeitsphase kommt die Wirt­schaftssoziologie hinzu. Max Webers Grundrissbeitrag aber steht seit der zweiten Arbeits­pha­se unter dem Titel ‘Die Wirtschaft und die ge­sellschaftlichen Ordnungen und Mächte’." (Schluchter 1998a: 343)

[3]) „Es hat keinen Wert, ausgewählte Stücke aus den Schriften von Marx oder ausschließlich den ersten Band des Werkes Das Kapital zu lesen. Jeder Wirtschaftswissenschaftler, der sich über­haupt mit Marx befas­sen will, muss sich damit abfinden, alle drei Bände des Kapitals und die drei Bände der Theorien über den Mehrwert sorgfältig durchlesen zu müssen. Ferner ist es sinnlos, Marx unvorbereitet in Angriff zu nehmen. Er ist nicht nur ein schwie­riger Autor, sondern man kann ihn wegen seines Wissenschaftlichen Apparates ohne eine brauchbare Kennt­nis der Wirt­schaftswissenschaft seiner Zeit, besonders Ricardos, und der öko­no­mischen Theorie im Allge­mei­nen nicht verstehen. Das ist umso wichtiger, da diese notwendige Voraus­set­zung nicht sofort klar ersichtlich ist." (...) „Außerdem muss sich der Leser davor hüten, sich von Spuren he­gel­scher Ter­mi­nologie irreführen zu lassen. Ich werde im folgenden beweisen, dass Marx sich in seiner Ana­lyse nicht von der hegel­schen Philosophie beeinflussen ließ. Aber er gebraucht manchmal Begriffe in ih­rer spezifisch hegelschen Bedeu­tung, und ein Leser, der sie in ihrer üblichen Bedeutung auffasst, erkennt die Be­deutung nicht, die sie bei Marx annehmen." (Schumpeter 1965a:491)

[4]) „Der Leser wird sich daran erinnern, welchen Nachdruck ich auf den Unterschied von The­orie und Vi­si­on im Fall von Marx gelegt habe. Es ist jedoch immer wichtig, eingedenk zu bleiben, dass die Fähigkeit, die Din­ge in ih­rer richtigen Perspektive zu sehen, von der Fähigkeit, richtig zu argumentieren, getrennt sein kann, und um­ge­kehrt." (Schumpeter 1987a:127, Anm.3). Ich pflichte Morf (1970a:125) bei: Schumpeter fällt als Vision und Ökonomie auseinander, was ihm als Theorie und historische Empirie methodologisch nicht zu ver­mitteln gelingt (siehe 1. und 2. Metho­den­streit!).

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Also: Schumpeter hält an Marx die Visionskraft für großartig; für überflüssiges und störendes Beiwerk tut er hingegen Marxens an Hegel anlehnende Terminologie ab.

Wie aber, wenn Sprache und Vision nicht voneinander zu trennen sind?
Marxens Projekt des "Kapital" kann man nämlich so formulieren: die klassische Ökonomie zu reformulieren unter Verwendung methodologischer Ideen Hegels.
Wie weit man auf diesem Gebiet auch ohne Hegel gelangen kann, wird an Proudhon deutlich.

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