Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

02.10.2005

Das Münchhausen-Trilemma

Die Rechtfertigungs-Strategie nunmehr verrennt sich in der Sackgasse des „Münchhausen-Trilemma"(Albert 1980a:13ff):

Die Forderung, alle Aussagen völlig zu begründen, bzw. voraussetzungslos anzufangen durch die Selbstbegründung des betreffenden Systems, ist undurchführbar, weil sie nur die Entschei­dung lässt zwischen dreierlei gleichermaßen unattraktiven Optionen:

1. infiniter Regress;

2. logischer Zirkel;

3. willkürlicher Abbruch des Verfahrens.

Das Problem sieht wie zuvor schon Platon (Mittelstraß 1981a) und Aristoteles (Aubenque 1961a; Höffe 1981a:72) auch Habermas (1975a:14f) zumindest zunächst einmal auf ganz ähnliche Weise:

„Erst anhand von zuverlässigen Kriterien der Geltung unserer Urteile können wir prüfen, ob wir unseres Wissens auch gewiss sein dürfen. Allein, wie könnte vor dem Erkennen das Erkenntnisvermögen kri­tisch untersucht werden, wenn doch auch diese Kritik selber Erkenntnis zu sein beanspruchen muss?"

Hölderlin(3:362f) nimmt Poppers Kritik an absoluter Begründung und Offenbarungslehre vor­weg, dies jedoch im Zusammenhang einer auf konkrete Totalität gerichteten Sicht.

Allerdings scheinen die Rechtfertigungs-Strategie und ihre Proponenten schon daraus ihre Exi­stenzberechtigung ableiten zu können, dass es gerade für konsequente Fallibilisten eine Al­ternative zum Fallibilismus geben muss, damit überhaupt auch er selbst der Kritik unterzo­gen werden kann (Spinner 1974a). Wie kann man von Wahrheit reden, wenn es nichts Falsches gibt?

„With all messages being equal, there is no message." (Phillips 1994a)

Dem ist aber nicht so: Ebeling (1973a:21ff) suchte herauszustellen, dass der Aufweis der Apo­rie des Begründungsdenkens selbst schon die Funktion einer Begründung für den kritischen Ra­tionalismus habe. Dem Trilemma dankt der Fallibilist aber lediglich ein Argument, nicht je­doch seine definitive Begründung. Letzteres ist definitionsgemäß das Ziel der Recht­ferti­gungs­strategie, wobei der Fallibilismus die Rechtfertigungsstrategie als Gegenbegriff vor­aus­setzt. Der Fallibilist begnügt sich ganz pragmatisch damit, Punkte zu sammeln und Fehler aus­zu­schalten. Wenn er auf einem bestimmten Wege nicht von der Stelle kommt, versucht er not­gedrungen und von Dogmen möglichst unbelastet, sich einfach etwas Neues einfallen zu las­sen.

Ähnlich wie Ebeling profiliert sich auch Habermas (1975a:16a) gegenüber dem Fallibilismus, in­dem er postuliert:

„Weil Erkenntnistheorie mit dem Anspruch auf Selbst- und Letztbegründung das Erbe der Ursprungsphilosophie antritt, ist für sie die Strategie des voraussetzungslosen Anfangens unabdingbar."

Wenn der Fallibilismus die Annahmen, wovon er jeweils ausgeht, als vorläufig unproble­ma­tisch dahingestellt sein lässt, so schließt er damit für Habermas die Radikalität des Zweifelns aus. Hier kann man in der Tat mit Hegel weiterfragen, ob mit dem Vorsatz des radikalen Zwei­felns nicht auch schon der Vorsatz des Zweifelns selbst, d.h. die sog. cartesianische Metho­de [1]), bezweifelt [2]) werden müsse. Es scheint dann allerdings, dass wir damit nicht zu ei­nem voraussetzungslosen Anfang, sondern zu überhaupt keinem Anfang gelangen, vielmehr der Zweifel ohne einen beträchtlichen Schuss Dogmatismus nie zu seinem Ziel, nämlich ei­nem Anfang gelangen könne.

„Und nach dem kurzen Verzweifeln kommt nun, wie es sich gehört, die fröhliche Wissenschaft. Denn nun ist sie rechtfertigungsfrei, überhaupt ganz und gar frei. (...) Feyerabend ist konsequenter als Popper, er wählt nämlich gleich Anarchismus der Methoden." (Brentano 1971a:490)

Ebenfalls meldet Bhatt [3]) gewisse Zweifel an, ob mit der Kritik des Fundamentalismus durch den Fallibilismus schon der Sieg der aufklärerischen Vernunft sichergestellt sei. Indes, wenn er die leichte Verfügbarkeit selbst fallibilistischer Argumentationen für partikularistische Ide­o­logie denunziert, erhebt sich die Frage, ob er damit von Philosophie oder Ideen nicht etwas ver­langt, was sie per se nicht leisten können. Es gibt eben keine Gedanken mit eingebautem Miss­brauchsschutz, in der Philosophie so wenig wie anderswo. Das Problem sitzt sogar noch tie­fer. Begriffe bilden zusammen mit ihren typischen Anwendungsfällen ein Sinnganzes. No­to­rischer Missbrauch kann daher tatsächlich einen Begriff mit der Zeit völlig her­unterwirt­schaf­ten, was dann aber weniger mit der Idee an sich zu tun hat, als mit den Leuten, ihren Ver­hältnissen und ihrer Geschichte.

Schon Hume (Kulenkampf 1981a:437) hatte gegenüber Descartes eingewandt, dass der radikale Zweifel [4]) unmöglich durchzuführen sei, so dass nach „Durchführung" des radikalen Zweifels der hübscheste Dogmatismus Platz greifen könne. Auch Poppers zahlreiche Anrufungen der Mu­se der Kritik haben allenthalben doch erstaunlich wenig Opfer unter seinen bevorzugten Grund­positionen gefordert. So hat es dem Fallibilisten Popper wenig Herzensmüh gekostet, ins­be­sondere gesellschaftspolitisch dem beschaulichsten Dogmatismus zu frönen. Ein kri­ti­sches Prinzip ward erfunden - was aber noch keinen Philosophen jemals daran gehindert hat, ein eben solches zu seinen persönlichen dogmatischen Zwecken auszubeuten. Der Fehler liegt dar­in, dass das Prinzip der kritischen Prüfung zu schnell aufgegeben wird. So lässt Popper (1994b) als völlig befriedigend nur immanente Kritik zu. Außerdem darf ein Fallibilist eine rechts­fertigungsorientierten Philosophie nicht schon einfach dadurch widerlegt halten, dass er die Rechtfertigungsstrategie als letztlich undurchführbar nachweist (durch das Argument des Münch­hausen-Trilemma). Durch dieses grundsätzliche Argument ist man nicht schon der Kritik der Einzelthesen der jeweiligen Philosophie enthoben - denn der Fallibilist darf sich gerade selbst nicht ohne Selbstwidersprüche auf die Rechtfertigungsstrategie stützen, um mit der Wi­der­legung der Grundposition auch schon alle abgeleiteten Thesen als widerlegt zu bezeichnen [5]).

Also muss doch wohl der Fehler in der von Habermas geforderten Radikalität liegen? Dieses Pro­blem des Anfangs [6]), von Hegel selbst schon mehrfach hin- und hergewälzt, stellt sich aber sowohl dem linear verfahrenden Fundamentalismus wie auch der meist zirkulär auf­tre­ten­den kohärenztheoretischen Variante der Rechtfertigungsstrategie. Freilich könnte eine Ko­hä­renztheorie auch fallibilistisch gedeutet werden, mit der kritischen Prüfung als Vehikel des Fort­schreitens. Hegel verglich das didaktische Problem, wie und wo man zu spekulieren be­gin­ne, mit dem Problem des Schwimmenlernens auf dem Trockenen. Das Problem weist da­mit Analogie auf zum hermeneutischen Zirkel. Dass es Leute gibt, die schwimmen bzw. spre­chen können, darf als Hinweis gewertet werden, dass praktisch dieses Rätsel irgendwie lösbar sein muss, ebenso wie das berühmte Problem, wieso ein Läufer schneller sei als eine Schild­krö­te. Das Problem des Schwimmenlernens besteht hauptsächlich darin, die Furcht un­ter­zu­ge­hen bzw. die Angst vor dem Wasser zu überwinden. Die Lösung besteht also im Sprung ins Was­ser, und zwar dass dieser unter solchen Bedingungen erfolge, dass der Handlungsvollzug nicht durch plötzliche Einwirkung von außen sein abruptes Ende finde. Wo man ins Wasser springt, ist vergleichsweise belanglos (die Stelle muss nur entsprechend tief genug sein). Wichtig ist, dass man sich für eine gewisse Dauer über Wasser hält - ein strömungstechnisch keineswegs trivi­ales Problem. Nun ist zwar wenig darüber bekannt, ob Hegel ein guter Schwimmer war, obzwar er an den Gestanden des Neckar [7]) aufgewachsen sein soll. Dass Hegel sich aber trotz solch möglicher Einsichten mit der Frage des Anfangens weiterhin herumgeplagt hatte, deutet an, dass er sich von dem Rettungsring der Rechtfertigungsstrategie letzten Endes doch nicht los­zureißen vermochte.

Zurück aber zum Trilemma des Münchhausen: Mag diese Sackgasse uns heutzutage wie auch schon Platon und Aristoteles noch so offensichtlich sein, niemand kann im Voraus wissen, ob beim Durchlaufen einer Sackgasse bis zu ihrem toten Punkt (der sich aber doch praktisch nie errei­chen lässt, weil er sich immer weiter ins Unendliche hinausschieben lässt! [8]) unterwegs nicht doch ein paar interessante Ergebnisse unseren Weg kreuzen. In solchem Falle gilt wie im touristischen Nor­malleben: Der Weg [9]) ist das Ziel. Doch ist denn die Wahl eines Weges minder pro­ble­ma­tisch als die Wahl eines Ziels? Hilft uns beim Wohin, wenn wir das Woher wissen?

„Es ist nemlich ein Unterschied, ob jener Bildungstrieb blind wirkt, oder mit Bewusstseyn, ob er weiss, woraus er hervorgieng und wohin er strebt. Denn diss ist der einzige Fehler der Menschen, dass ihr Bil­dungstrieb sich verirrt, eine falsche, überhaupt unwürdige Richtung nimmt, oder doch seine eigentümli­che Stelle verfehlt, oder, wenn er diese gefunden hat, auf halbem Wege, bei den Mitteln, die ihn zu sei­nem Zweck führen sollten, stehen bleibt. Dass dieses in hohem Grade weniger geschehe, wird dadurch ge­sichert, dass wir wissen, wovon und worauf jener Bildungstrieb überhaupt ausgehe, dass wir die we­sent­lichsten Richtungen kennen, in denen er seinem Ziele entgegengeht, dass uns auch die Umwege oder Abwege, die er nehmen kann, nicht unbekannt sind, dass wir alles, was vor und um uns aus jenem Trie­be hervorgegangen ist, betrachten aus als aus dem gemeinschaftlichen ursprünglichen Grunde her­vor­gegangen, woraus er mit seinen Producten überall hervorgeht..." (Hölderlin 3:258)

Eine meines Erachtens ausgezeichnete Übersicht über die aktuelle Diskussion erkenntnistheo­re­tischer Recht­fertigung gibt Grundmann(1997a). Das wichtigste Ergebnis eines solchen Aus­pro­bierens von Sackgassen scheint mir zu sein die Ergründung des Minenfelds bzw. der grund­legenden Struk­turen von Optionen, die systematisches Philosophieren aufzuweisen ver­mag. In solcher Wei­se geht die philosophische Forschung über in Systematologie (Kröner 1970a). Das syste­ma­ti­sche Moment darf dabei jedoch so stark überbetont werden, dass es den Übergang zu einem an­deren System zu einem derartigen Sprung werden lässt, bei dem man sich logisch den Hals bricht (Toulmin 1978a:123).

„Die Frage nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer Letztbegründung hängt schließlich davon ab, welche Art von Entitäten man als grundlegend betrachtet. Dass eine Letztbegründung logisch un­möglich ist, dürfte heutzutage allgemein anerkannt sein. Ob die Unmöglichkeit aber auch dann besteht, wenn die Entitäten, die beim Begründungsverfahren verwendet werden, solche von nicht-begrifflicher Art sind, ist zweifelhaft." (Reenpää 1974a:521)

Hegels Emanationen waren da noch begrifflicher Natur. Es wird allerdings hier an diesem Punkte zumindest eines deutlich: dass die Erörterung sowohl von „Rechtfertigung" wie von „kriti­scher Widerlegung" nicht ohne die Bestimmung des Begriffs des logischen Denkens auskommt. Lakatos (1970a:99) übernimmt von Fries und Popper (1984a:60f) das Argument, dass Aussagen nur durch Aussagen begründet oder widerlegt werden können. Ist aber unumstößlich, dass ei­ne Logik nur auf Grundlage von Aussagen möglich ist? Es lässt sich nur die historische Tatsa­che feststellen, dass Kritische Rationalisten immer wieder eine bestimmte Gestalt von sym­bo­li­scher Logik fraglos als Rasiermesser der Kritik ansetzen. Diese Waffe ist jedoch kei­nes­wegs so hygienisch neutral, wie sie gerne glauben machen möchten. Vielmehr hat sich hier bei Pop­per an einigen ungepflegten Stellen eine zählebige Rasse platonischer Restproble­ma­ti­ken an­ge­siedelt. Wie jedoch Poppers Anti-Definitionismus schon andeutet, lässt sich logi­sches Den­ken äußerst schlecht auf formal Rekonstruierbares reduzieren.

Der Dogmatiker dient hierbei dem Kritizisten als bisweilen lästiger, aber in dieser Funktion un­­er­setzlicher advocatus diaboli [10]). Welche Freude und Genugtuung könnte ein wahrer Philo­soph auch sonst noch gewinnen, wenn ihm niemand mehr widerspräche?! Denn ein wahrer Phi­­lo­soph ist ein Freund der Wahrheit, und zwar einer Wahrheit, die er noch suchen muss, aber nicht der Wahrheiten, die er als gefundenen Bestand gesichert wähnt und alsgleich unters Volk austeilen möchte. Es ist demnach äußerst wichtig, die strategische Alternative zwischen Recht­fertigungsstrategie und Fallibilismus als eine fundamentale Option anzuerkennen, und diese Ansicht sich nicht, wie Gethmann (1979a) es versah, als einen bloßen Streit um Wörter wie „begrün­den" oder „kritisch prüfen" zu verstellen.

Jedenfalls verweist Bartleys (1987a:90) Vorstoß darauf, dass für Fallibilisten die Explikation ei­ner Rationalitätstheorie so wie einer darauf bezüglichen Methodologie unabdingbar ist:

„Ich behaupte daher, dass die ständige Integritätskrise, in die Rationalisten regelmäßig geraten, oder in die sie hinein gezwungen werden, ihre Ursache in einer vernachlässigten Identitätskrise in der rationa­li­sti­schen Tradition hat. Vernachlässigt ist sie zum Teil deswegen, weil die Philosophen es im Allge­mei­nen verabsäumen, sich ebenso um die Entwicklung einer Rationalitätstheorie zu bemühen wie um die ei­ner Erkenntnistheorie. Wegen dieser Krisen ist das wertvolle Faktotum im Hause des Irrationalisten - das Tu-quoque-Argument - die Leiche im Keller des Rationalisten. Rationalisten sind zu sehr einem Ra­ti­onalitätsbegriff oder einer rationalistischen Identität verpflichtet, die zu erlangen unmöglich ist, und die unvermeidliche Enttäuschung ihrer Bemühungen, dieser übermäßigen Verpflichtung gerecht zu wer­den, hindert sie daran, Integrität zu erlangen. Gleichzeitig versetzt dieses Unvermögen der rati­ona­li­sti­schen Tradition, ihre Identitätskrise zu lösen, viele Irrationalisten ganz unabhängig von ihren Bin­dun­gen in die Lage, ihre eigene Identität ohne Integritätsverlust zu wahren."

Eine solche Rationalitätstheorie und eine vollständig ausgeführte fallibilistische Methodologie müssen dann allerdings einiges mehr leisten und umfassen, als Popper in seiner „Logik der For­schung" abgehandelt hatte:

"... any fallibilist theory of rationality invites a fallibilist theory of the selection and of the use of theo­ries."(Wettersten 1996a:98)



[1] ) "Descartes was perhaps the first to say that everything depends upon the security of our starting-point." (Popper 1973a:35)

[2] ) Von der universalen Skepsis führt kein Weg zurück. Dies ist, so verstehe ich es, Kants Ansatzpunkt, und es ist schon bei Spinoza da, wenn er Descartes' Zweifel verwirft, indem er sagt: 'Wer weiß, weiß, dass er weiß.' An­ders gesagt: wenn einer zweifelt, ob er sieht, was er sieht; hört, was er hört; oder ob er richtig addiert hat, so gibt es keinen radikal anderen Weg, seinen Zweifel zu bestätigen oder zu beseitigen: man kann nur nochmals schau­en, nochmals hören, nochmals rechnen oder einen andere bitten, dies zu tun." (Rickman 1974a:110)

[3] ) "Western critics of teleological reason or foundationalism, such as Kuhn and Feyerabend, are mobilized in support of a project that seeks to create the human civilization record anew in fundamentally particularist directions. If this illustrates the ease with which anti-foundationalist ideas can allow themselves to be used for chauvinist enterprises, it perhaps also raises a more elemental question about the nature of the philosophical debate about foundation."(Bhatt 1999a:76)

[4] ) "Die Wirklichkeit der Alltagswelt wird als Wirklichkeit hingenommen. Über ihre einfache Präsenz hinaus bedarf sie keiner zusätzlichen Verifizierung. Sie ist einfach da - als selbstverständliche, zwingende Faktizität. Ich weiß, dass sie wirklich ist. Obgleich ich in der Lage bin, ihre Wirklichkeit auch in Frage zu stellen, muss ich sol­che Zweifel doch abwehren, um in meiner Routinewelt existieren zu können. Diese Ausschaltung des Zweifels ist so zweifelsfrei, dass ich, wenn ich den Zweifel einmal brauche - bei theoretischen oder religiösen Fragen zum Bei­spiel, eine echte Grenze überschreiten muss. Die Alltagswelt behauptet sich von selbst, und wenn ich ihre Selbst­behauptung anfechten will, muss ich mir dazu einen Stoß versetzen. Die Verwandlung der natürlichen Ein­stellung in die theoretische des Philosophen oder Wissenschaftlers ist ein Beweis dafür." (Berger, Luckmann 1980a:26)

[5] ) Wenn z. B. Becker (1972a) annimmt, dass er mit der Widerlegung der Dialektik oder der Arbeitswerttheorie auch etwa schon die marxsche Klassen- oder Staatstheorie gleichsam miterledigen könne, so argumentiert er da­mit keinesfalls gemäß der methodologischen Orientierung des Fallibilismus. Ein Fallibilist wird jede Aussage oder Theorie erst einmal auf ihr eigens Recht hin befragen, danach erst nach Ableitungsbeziehungen fragen. Denn Kernpunkt für den Fallibilisten ist die Bewährung in der Kritik durch Erfahrung und konkurrierende Alter­na­tiven, nicht die Ableitung aus einem(angeblich) wahren Ausgangspunkt. Oder prinzipiell formuliert: Eine Aus­sage, die nachweislich falsch begründet worden ist, kann nichtsdestoweniger wahr sein.

[6] ) "A philosopher has strong reasons to fumble and hesitate when he starts. In particular, he knows how much where he ends depends on where he begins: and where he begins may be all too arbitrary." (Agassi 1975a:10)

[7] ) Hölderlin (3:60):

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastixbaum
Vom Harze träuft, und Pauk und Zymbel
Zum labyrinthischen Tanze klingen,
Zu euch, ihr Inseln! bringt mich villeicht, zu euch,
Mein Schuzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Nekar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

[8] ) "Wenn der Wilde aufhört, an seinen hölzernen Gott zu glauben, heißt das nicht, dass es keinen Gott gibt, sondern nur, dass Gott nicht aus Holz ist." (Tolstoj, zit. nach Lüke 1997a)

[9] ) "The word 'method' is the Greek for way." (Agassi 1993a:244)

[10] ) "Besonders interessierte mich die Idee, dass das dogmatische Denken, das ich als vorwissenschaftlich betrachtete, eine notwendige Vorstufe sei, die das kritische Denken erst ermöglichte." (Popper 1979a:52)

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Ist "Konstruktion" (was die Kritischen Rationalisten – FP - als Voraussetzung für "Kritik" nehmen) nicht zumindest streckenweise sachlich dasselbe wie das dogmatische Verfahren der Vertreter der Rechtfertigungsstrategie/Monismus (RM)?

Grundsätzlich ist es doch stets möglich, eine dogmatisch behauptete Aussage als eine Hypothese (nach einem besonderen verfahren jeweils aufgestellt, abgeleitet = "konstruiert") zu behandeln.

Worin unterscheiden sich dann RS-Vertreter in ihrem jeweiligen methodologischen Vorgehen von FP-Vertretern?
Gibt es Unterschiede in Effizienz und Produktivität im Erkenntnisfortschritt, jenseits von Selbstwahrnehmung und Glauben bzw. Gewissheit bezüglich der erreichten Erkenntnisresultate?
Der Unterschied zwischen deklarierter und praktizierter Methodologie ist auch hierbei nicht zu vergessen.

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