Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

12.02.2007

RM vs. FP

"Entzweiung ist der Quell des Bedürfnisses der Philosophie..." (Hegel 1962a, 12).


Das Erkenntnisinteresse des Menschen geht auf ein kohärentes System des Wissens. Inkonsistenzen sind Dissonanzen, die nach ihrer Auflösung schreien. Hegel denkt hier keineswegs an binäre Schemata, wie sie etwa späterhin noch bei Talcott Parsons ubiquitäre Verwendung fanden. Sondern an Widersprüche in der Art philosophischer Aporien oder gegensätzlicher Systemprinzipien, wie sie Kröners Systematologie als antinomische Grundstruktur allen Philosophierens thematisiert hat.

Wenn nicht als eine derartige Antinomie, dann zumindest als eine prinzipielle Option kann die Entscheidung zwischen zwei alternativen methodologischen Strategien zur Lösung der Grundsatzfrage des Begründens angesehen werden:

  1. RM = die Rechtfertigungsstrategie in Verbindung mit Theoriemonismus;
  2. FP = Fallibilismus in Verbindung mit Theorienpluralismus.


Man darf diese Option nicht verabsolutieren.

Genauso wenig, wie es praktisch keinen Unterschied ausmacht, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist, wenn man von Luxemburg nach Mannheim mit der Bahn fährt; genauso wenig spielt es für den Wissenschaftsfortschritt eine große Rolle, ob ein Wissenschaftler an RM oder an FP glaubt und/oder diese Methodologie tatsächlich praktisch eingesetzt hat. Letzten Endes kommt es allein auf die Gültigkeit oder Brauchbarkeit der von ihm vorgeschlagenen Lösung an (und weniger darauf, warum er geglaubt hat, dass diese Lösung richtig sein muss).


Es ist nicht nur der Unterschied festzustellen zwischen deklarierter und praktizierter Methodologie; es ist auch zu unterscheiden, ob man von einem einzelnen Wissenschaftler strenge Objektivität bzw. Kritikfähigkeit einfordern muss oder ob es genügt, dass im Großen und Ganzen die Institutionen der Wissenschaft die Einhaltung gewisser Spielregeln gewährleisten, die dem Erkenntnisfortschritt förderlich sind. Gewiss dürfen Methodologen sich auch Gedanken darüber machen, was hierbei ein optimales Vorgehen wäre.

Es soll hier lediglich die schlichte Grundeinsicht festgehalten werden, dass sich jede theoretische oder empirische Erkenntnis unabhängig von der Methodologie innerhalb der Wissenschaft weiterverwerten lässt. Wenn es auch manchmal hilfreich bei der Interpretation einer Theorie sein wird, zu wissen und zu bedenken, unter welchen methodologische Voraussetzungen der Theoretiker jeweils argumentiert hat und wie er erkenntnispraktische dabei vorgegangen ist. Und manchmal ist hierbei sogar der Weg wichtiger als das Ziel.

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung in der Option RM / FP?

Wie stark ist die Auswirkung?

Vermutlich eher in der methodologisch (bewusst oder unbewusst) gesteuerten Praxis der Forschung und/oder Theoriebildung!
Ganz gewiss im Vorgehen beim Theorienvergleich: Umgang mit Alternativen.

Beispiel wäre Marxens Übergang von der Logik Hegels über Feuerbach Kritik auf englische Nationalökonomie und französische Sozialisten (demonstriert an Proudhon). Das ist ein viortreffliches Beispiel für einen Wechsel in der Metatheorie, bei Beibehaltung so mnacher metatheoretischer Einstellung und Ideen!