Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

15.02.2007

Katastrophentheorie der Kontradiktion

Wer die Katastrophentheorie der Kontradiktion vertritt, befürchtet, dass unser Denken schlagartig in chaotische Verhältnisse gerät, sobald wir auch nur eine einzige Kontradiktion zulassen (Klaus 1972:54; Popper 1984:51f).

Dahinter verbirgt sich jedoch ein Fehlschluss von einer in der Logik gültigen Regel auf eine methodologische Maxime, die praktisch meist so nicht brauchbar ist oder zu unerwünschten Konsequenzen führt.

Die in der Logik gültige Regel: Wenn in einer logischen Schlussfolgerung eine Kontradiktion, also ein logischer Fehler, auftritt, so ist die gesamte Schlussfolgerung falsch. Denn in der (zweiwertigen) Logik gilt: Entweder falsch oder wahr!

Es ist somit 1. richtig, dass Kontradiktionen möglichst vermieden werden sollten. Es ist aber 2. falsch, dass jedes Aussagensystem, sobald es eine Kontradiktion enthält, insgesamt für die Erkenntnis völlig wertlos ist.

Zum Beispiel wird ein Bilanzbuchhalter, dessen Kontenabschluss nicht stimmt, nicht deswegen alle Berechnungen wegwerfen und mit seiner Arbeit ganz von vorne beginnen. Es stellen sich Fragen: Kann man die Fehlerquelle einkreisen? Wie wichtig ist dieser Fehler, bezogen auf das Gesamtergebnis? Andere Beispiele wären in der Ökonomie das Transformationsproblem oder die Kapitalkontroverse. Wer die Katastrophentheorie vertritt, müsste bei erfolgreichem Nachweis der behaupteten Kontradiktionen auf Rauswurf dieser Theorien aus der Wissenschaft bestehen! Die Forschungspraxis zeigt, dass die beteiligten Fachwissenschaftler minder logisch rigoros denn praktischer denken und nichts wegwerfen, solange sie nichts Besseres haben.

Man kann auch häufig mit Aussagensystemen arbeiten, die fehlerhaft sind, die aber zu praktischen Zwecken dennoch oft brauchbare Resultate liefern (Popper 1984:59); man nehme zum Beispiel die idealtypische Hypothese eines rational Handelnden.

Die Kurzschlüssigkeit der Katastrophentheorie des Widerspruchs wird vermieden, wenn man bei einem Aussagensystem (bzw. einer wissenschaftlichen Theorie) unterscheidet zwischen seiner Wahrheit (oder logischen Richtigkeit) und der methodologischen Entscheidung, ob wir es weiterhin benutzen wollen oder nicht.

Außerdem darf nicht übersehen werden, dass der Nachweis einer logischen Kontradiktion erst einmal voraussetzt, dass eine Theorie bzw. ein Aussagensystem befriedigend formalisiert worden ist. Falls in einer Formalisierung F(1) eine Kontradiktion auftritt, wird man wohl zunächst vermuten, dass diese Formalisierung (F1) nicht recht gelungen ist; nicht aber unbedingt sofort, dass die zugrunde liegende Theorie widersprüchlich ist.

Ein Sonderfall ist hier Hegels Dialektik, die Popper (1984:51f) so interpretiert, dass hier Widersprüche 1. unvermeidlich und 2. erwünscht sind. Dies ist gewiss ein Missverständnis, da in Hegels philosophischem Reflektieren sich die Antinomien von Begriffen selber kritisieren und zu neuen Antinomien aufheben – man kann davon halten, was man will, aber Popper verfehlt wohl das Ziel, wenn er diese Aufgabenstellung mit den einfachsten Mitteln der formalen Logik angeht.


Literatur

  • Helmut F. Spinner, Pluralismus als Erkenntnismodell, Frankfurt 1974
  • Georg Klaus, Moderne Logik, Berlin 1972
  • Karl R. Popper, Logik der Forschung, Tübingen 8. verb. u. verm. Aufl. 1984
  • Imre Lakatos, The Methodology of Scientific Research Programmes, Cambridge 1978

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Siehe dasselbe bei Popper, Bd 2: 12:Hwegel und der neue Mythos von der Horde, S. 49

"Indem er Kritik und Argumentation unmöglich macht, schützt er seine eigene Philosophie vor aller Kritik; so vor jedem Angriff sicher, kann sie sich als ein doppelt verschanzter Dogmatismus und als der unübertreffliche Gipfel der philosophischen Entwicklung etablieren."