Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

21.02.2007

Marxens Proudhon-Kritik

Marx verlangt von den "wirklichen Voraussetzungen" auszugehen.

Damit ist weder eine Rechtfertigungsstrategie oder Begründungsversuch im Sinne Böhm-Bawerks zu verstehen.

Noch im Sinne des Positivismus als den angeblich positiven "realen Fakten"; denn dass die Erfahrungstatsachen theorieabhängig sind, das weiß Marx als Kenner des deutschen Idealismus sowieso.

Damit fordert Marx, an die jeweils gegebene konkrete Realität in ihrer geschichtlichen Gewordenheit als soziale Totalität heranzugehen mit der Methodologie der materialistischen Geschichtsbetrachtung:

Analyse der vorliegenden Produktionsweise (der Produktionsverhältnisse inkl. Eigentumsverhältnisse und der Produktivkräfte), und damit schließlich zum Überbau überzugehen (Staat, Religion, Wissenschaft, Kunst usw.).

Insofern lässt sich Marxens Aufsteigen vom Konkreten zum Abstrakten (Abstraktion – Synthese) mit Mertons Forderung, zur Bildung von soziologischer Theorie im ersten Schritt zunächst Theorien mittlerer Reichweite zu suchen, parallelisieren.

Eine Theorie erweist sich als wirklichkeitsnah, wenn es ihr gelingt, konsistent die Tatsachen zu erklären. Dazu müssen die abstrahierten Begriffe logisch das verbinden, was in der Realität miteinander verbunden ist (Wirkungsmechanismen).

Kritisierte Gegenposition / Interdependenz: Es ist hoffnungslos, ein interdependentes System (bzw. Totalität), wie etwa Arbeitsteilung, Tausch, Warenproduktion, Eigentum aus einem einzigen Axiom oder Ausgangsthese herauszukonstruieren. Proudhons Anknüpfungspunkt ist beliebig; er läuft quasi im Kreis herum.

"Die Produktionsverhältnisse jeder Gesellschaft bilden ein Ganzes."

[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 158. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2465 (vgl. MEW Bd. 4, S. 130)]

Kritisierte Gegenposition / Dialektik:

Proudhons "Dialektik" wirft Marx vor, dass sie nach vorgefassten Begriffen konstruiert und die Tatsachen nachträglich gewaltsam anpasst.

"Die ökonomischen Kategorien sind nur die theoretischen Ausdrücke, die Abstraktionen der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse. Herr Proudhon stellt als echter Philosoph die Dinge auf den Kopf und sieht in den wirklichen Verhältnissen nur die Fleischwerdung jener Prinzipien, jener Kategorien, die, wie uns wiederum Herr Proudhon, der Philosoph, sagt, im Schoß der »unpersönlichen Vernunft der Menschheit« schlummerten."

[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 157. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2464 (vgl. MEW Bd. 4, S. 130)]

Proudhon arbeitet mit Äquivokationen (Gebrauchswert = Seltenheit = Nützlichkeit = Angebot, Tauschwert = Meinung = Nachfrage). Die Begriffe werden solange gequält, bis das gewünschte Resultat herauskommt: der konstituierte Wert = Gerechtigkeit.

"Worin besteht somit die ganze Dialektik des Herrn Proudhon? Darin, daß er für Gebrauchs- und Tauschwert, für Angebot und Nachfrage abstrakte und sich widersprechende Begriffe setzt, wie Seltenheit und Überfluß, Nützlichkeit und Meinung, einen Produzenten und einen Konsumenten, beide Ritter vom freien Willen.
Und worauf wollte er hinaus?
Sich das Mittel freihalten, früher oder später eines der ausgemerzten Elemente, die Produktionskosten, einzuführen als die Synthese zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Und so bilden denn in seinen Augen die Produktionskosten den synthetischen oder konstituierten Wert."
[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 49. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2356 (vgl. MEW Bd. 4, S. 76-77)]

Marx verbittet sich Robinsonaden als abstrakt, asozial und ahistorisch (weist in diesem schlechten Sinne den heute sog. methodologischen Individualismus zurück):

"Die Mitarbeiter und die verschiedenen Tätigkeitszweige, Arbeitsteilung und Austausch, den letztere in sich begreift, sind da, vom Himmel gefallen."
[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 32. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2339 (vgl. MEW Bd. 4, S. 68)]

Das heißt indes nicht, dass Marxens Methodologie "kollektivistisch" ist bzw. ausschließlich mit Kollektivbegriffen arbeitet (wie alternativ-radikalistisch von Vanberg dargestellt).

Allerdings verwendet er, inspiriert durch Hegels Dialektik, Kategorien als soziale Formen (Wertform, Tauschwert, Geld, Arbeitskraft, Kapital usw.), die einen bestimmten gesellschaftlichen Inhalt sowie eine widersprüchliche dynamische Entwicklung haben.

Hiermit haben dann Ricardianer und überhaupt landläufige Mainstream-Ökonomen das Problem, der Marxschen Theorieperspektive zu folgen bzw. überhaupt richtig zu fassen, dass Marxens Anliegen Politische Ökonomie und nicht Entscheidungslogik oder höhere Wirtschaftsmathematik ist.

"Die Ökonomen erklären uns, wie man unter den obigen gegebenen Verhältnissen produziert; was sie uns aber nicht erklären, ist, wie diese Verhältnisse selbst produziert werden, d.h. die historische Bewegung, die sie ins Leben ruft. Herr Proudhon, der diese Verhältnisse als Prinzipien, als Kategorien, als abstrakte Gedanken nimmt, hat nur diese Gedanken in eine bestimmte Ordnung zu bringen, die sich bereits in alphabetischer Reihenfolge am Schlüsse jeder Abhandlung über politische Ökonomie vorfinden. Die Materialien der Ökonomen sind das bewegte und bewegende Leben der Menschen; die Materialien des Herrn Proudhon sind die Dogmen der Ökonomen. Sobald man aber die historische Entwicklung der Produktionsverhältnisse nicht verfolgt - und die Kategorien sind nur der theoretische Ausdruck derselben -; sobald man in diesen Kategorien nur von selbst entstandene Ideen, von den wirklichen Verhältnissen unabhängige Gedanken sieht, ist man wohl oder übel gezwungen, den Ursprung dieser Gedanken in die Bewegung der reinen Vernunft zu verlegen. Wie erzeugt die reine, ewige, unpersönliche Vernunft diese Gedanken? Wie stellt sie es an, um sie zu erzeugen?"

[Marx: Das Elend der Philosophie, S. 150. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 2457 (vgl. MEW Bd. 4, S. 126)]

Was Marx außerdem nicht ausstehen kann, weder persönlich noch wissenschaftlich, ist die "moralisierende Kritik", d.h. in der Ökonomie mit Moralbegriffen von Gut und Böse zu hantieren und gar noch aus solchen fertigen Werturteilen die Wirklichkeit erklären zu wollen..

Politische Änderungsmöglichkeiten müssen aus den sich wandelnden historischen Bedingungen und von den objektiven Interessen, möglichen Zielvorstellungen und Ressourcen der relevanten Handlungssubjekte abgeleitet werden (damit sind wir wieder zurück bei der materialistischen Geschichtsbetrachtung sowie der Klassenanalyse).

(Karl Marx, Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral, MEW 4:331-359)

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Wenn Proudhon den freien Willen in die Erklärung einführt, dann ist das schlechte Metaphysik, denn er bleibt soziologisch unbestimmt, abstrakt.

Was ein sozialer Akteur will und kann, das hängt stark von seinem historischen Umfeld ab.