Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

06.08.2007

Fallibilismus/Theorienpluralismus vs. Rechtfertigungsstrategie/Theoriemonismus

Das Interesse des Menschen an Erkenntnis geht auf ein zusammenhängendes System des Wissens, das in sich konsistent sei.

Inkonsistenzen wirken wie Dissonanzen, die nach ihrer Auflösung schreien: "Entzweiung ist der Quell des Bedürfnisses der Philosophie..." [1]).

Damit gemeint sind nicht bloße paarweise bzw. binäre Schematisierungen, wie sie Talcott Parsons allerorten zur Potenz erhoben hat.[2]) Auch nicht besser ist es, begriffliche Entwicklungsstufen nach dem öden Dreier-Schema, den sog. Triaden, zu rangieren, wozu vielfach Hegels Dialektik hoffnungslos trivialisiert wurde.

Vielmehr ist hier gedacht an gegensätzliche Systemprinzipien, wie sie die Systematologie als antinomische Grundstruktur allen Philosophierens herausgestellt hat.[3])

Wenn nicht als eine derartige Antinomie, dann zumindest als eine prinzipielle Option kann die Entscheidung zwischen zwei methodologischen Alternativstrategien zur Lösung der Grundsatzfrage des Begründens [4]) angesehen werden:

  1. RM = die Rechtfertigungsstrategie in Verbindung mit Theoriemonismus;
  2. FP = Fallibilismus in Verbindung mit Theorienpluralismus.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung in der Option RM/FP? Wie stark ist die Auswirkung?

Vermutlich am ehesten in der methodologisch (bewusst oder unbewusst) gesteuerten Praxis der Forschung und/oder Theoriebildung. Ganz gewiss im Vorgehen beim Theorienvergleich: Umgang mit Alternativen.

Vorbildlich ist hier Marxens Übergang zu nennen von der Logik Hegels über Feuerbachs Kritik auf die englische Nationalökonomie sowie die französische Sozialisten (etwa Proudhon). Dies Beispiel zeigt einen explizit argumentierten Wechsel in der Metatheorie, verbunden mit teilweiser Beibehaltung so mancher metatheoretischen Strategien und Ideen!

Ein nicht so ganz empfehlenswertes Beispiel ist die Rezeption Max Webers durch Hans Albert; Webers explizite neukantianische Metatheorie wird solange umgebügelt, bis Kritischer Rationalismus daraus wird. Wenig anders verfährt Popper mit Kant; dabei geht es dieser aus Poppers Dampfbügelverfahren noch besser hervor als die Philosophen, die er explizit als Feinde bekämpft, wie etwa Platon, Aristoteles, Hegel oder Marx. Sie sind nach Poppers "Kritik" nicht mehr wiederzuerkennen; so formlos und hässlich misshandelt, taugen sie kaum noch für die Altkleidersammlung.

Man darf die Entscheidungsalternative bei dieser Option nicht verabsolutieren!

Denn genauso wenig, wie es pragmatisch keinen Unterschied ausmacht, ob die Erde eine Kugel oder eine Scheibe ist, wenn man von Luxemburg nach Mannheim mit der Bahn fährt; genauso wenig spielt es für den Wissenschaftsfortschritt eine sonderlich große Rolle, ob ein Wissenschaftler an RM oder an FP glaubt und/oder diese Methodologie tatsächlich praktisch eingesetzt hat.

Letztendlich kommt es vor allem weniger auf die absolute Gültigkeit als auf die Fruchtbarkeit für den Erkenntnisfortschritt und/oder praktische Brauchbarkeit einer vorgeschlagenen Lösung an - und weniger darauf, warum jemand geglaubt hat, dass diese Lösung die richtige sein muss. Damit soll nicht einem Relativismus hinsichtlich der absoluten Wahrheit das Wort geredet werden; sondern nur betont werden, dass wir in der Praxis oft mit weniger als der Klärung der letzten Fragen auskommen, oder, um es katholisch auszudrücken, dass viele Wege nach Rom führen.

In diesem Zusammenhang ist vielleicht interessant, dass Friedrich Engels sozusagen eine Art "Bachkieseltheorie" entwickelt hat: Fundamentalismen schleifen sich gegenseitig ab.[5])

Es ist nicht nur zu unterscheiden zwischen deklarierter und praktizierter Methodologie; es ist auch zu unterscheiden, ob man von jedem einzelnen Wissenschaftler strenge Objektivität bzw. Kritikfähigkeit einfordern muss oder ob es genügt, dass im Großen und Ganzen die Institutionen der Wissenschaft die Einhaltung gewisser Spielregeln gewährleisten, die dem Erkenntnisfortschritt förderlich sind. Gewiss sollten Methodologen sich Gedanken darüber machen dürfen, was hierbei ein optimales Vorgehen wäre. Oder ist dies der Hauptzweck einer guten Methodologie: seine Kritiker ins Leere laufen zu lassen, das eigene Ge­wis­sen zu beruhigen und das eigene Tun zu beschönigen?!

Es soll an dieser Stelle lediglich die schlichte Grundeinsicht festgehalten werden, dass möglicherweise jede theoretische oder empirische Erkenntnis (unabhängig von der zu ihrer Produktion benutzten Methodologie) sich innerhalb der Wissenschaft weiterverwerten lässt. Die Wahrheit einer Aussage ist zu beurteilen unabhängig von ihrer Herkunft.[6]) Wenn es auch in den meisten Fällen sehr hilfreich bei der Interpretation einer Theorie sein wird, zu wissen und zu bedenken, unter welchen methodologische Voraussetzungen der Theoretiker jeweils argumentiert hat und wie er erkenntnispraktisch dabei vorgegangen ist. Und manchmal ist hierbei sogar der Weg wichtiger als das Ziel. Doch unter Umständen können sogar das Missverstehen eines Autors oder die Fehlinterpretation eines Textes zu einer neuen Einsicht verhelfen. Auch aus trüben Quellen kann man Wasser schöpfen; man muss es nur hernach richtig aufbereiten, was aber ein wenig mehr Mühe macht.



[1] G. W. F. Hegel: Differenz des Fichte'schen und Schelling'schen System der Philosophie, Hamburg 1962, S. 12

[2] Talcott Parsons: Structure and Process in Modern Societies, New York 1960. - Zum Binärcode innerhalb der Mensch-Maschine-Kommunikation: "Whatever glowing words are said about the wonders of computer communication or multi-media, the bottom line is that the computer is a literate and linear machine. It employs binary mathematics and depends on grammar. When humans fail to follow the rules, the machine does not respond correctly." (Gerald M. Phillips: A NIGHTMARE SCENARIO: LITERACY AND TECHNOLOGY, Interpersonal Computing and Technology: An Electronic Journal for the 21st Century, 1994, http://infosoc.uni-koeln.de/etext/text/phillips.94b.txt)

[3] Franz Kröner: Die Anarchie der philosophischen Systeme. Graz 1970 (verm. und verb. Nachdruck der bei Felix Meiner in Leipzig 1929 erschienenen Ausgabe)

[4] Helmut F. Spinner: Pluralismus als Erkenntnismodell, Frankfurt 1974

[5] "Diese Anschauungsweise ist wesentlich die aller englischen und französischen und der ersten deutschen Sozialisten, Weitling einbegriffen. Der Sozialismus ist der Ausdruck der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit, und braucht nur entdeckt zu werden, um durch eigne Kraft die Welt zu erobern; da die absolute Wahrheit unabhängig von Zeit, Raum

und menschlicher, geschichtlicher Entwicklung ist, so ist es bloßer Zufall, wann und wo sie entdeckt wird. Dabei ist dann die absolute Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bei jedem Schulstifter verschieden; und da bei einem jeden die besondre Art der absoluten Wahrheit, Vernunft und Gerechtigkeit wieder bedingt ist durch seinen subjektiven Verstand, seine Lebensbedingungen, sein Maß von Kenntnissen und Denkschulung, so ist in diesem Konflikt absoluter Wahrheiten keine andre Lösung möglich, als daß sie sich aneinander abschleißen. Dabei konnte dann nichts andres herauskommen, als eine Art von eklektischem Durchschnittssozialismus, wie er in der Tat bis heute in den Köpfen der meisten sozialistischen Arbeiter in Frankreich und England herrscht, eine, äußerst mannigfaltige Schattierungen zulassende, Mischung aus den weniger auffälligen kritischen Auslas-

sungen, ökonomischen Lehrsätzen und gesellschaftlichen Zukunftsvorstellungen der verschiednen Sektenstifter, eine Mischung, die sich um so leichter bewerkstelligt, je mehr den einzelnen Bestandteilen im Strom der Debatte die scharfen Ecken der Bestimmtheit abgeschliffen sind wie runden Kieseln im Bach. Um aus dem Sozialismus eine Wissenschaft zu machen, mußte er erst auf einen realen Boden gestellt werden."

[Engels: Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, S. 26f. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 7657f (vgl. MEW Bd. 20, S. 18f)]

[6] Diese spätestens seit Sokrates altbekannte Binsenwahrheit muss immer wieder ins Gedächtnis gerufen werden, weil fast schon jede alltägliche Kommunikation aus sozialen Ursachen gegen diese simple Regel verstößt; nicht zuletzt auch unter Wissenschaftlern, und seien sie auch bekennende Fallibilisten!

1 Kommentar:

globalmizzry hat gesagt…

Als Modellbeispiel dafür, was sich an einem philosophischen System alles zwangsweise ändert, wenn man von RM zu FP übergeht, kann man Kants Kritik der reinen Vernunft nehmen, wie durch den Neukantianismus migriert zu Popper und Hans Albert.

Es wird dabei deutlich, dass 1. einige von Kants begrifflichen Grenzziehungen irrelevant werden; 2. einige Begriffe ihre Bedeutung ändern; 3. einige von Kants "Errungenschaften" unter den neuen Bedingungen nicht mehr aufrecht erhalten werden können (obwohl das nicht immer sofort bemerkt wird!).

Die parallele Problementwicklung kann man stzudieren bei Matrxens Umstülpung von Hegel.

Oder von der scholastischen Theologie über Spinoza und Feuerbach hin zum Dialektischen Materialismus.


Die Philosophien und Theorien ändern sich, und ihre Begriffe samt der Fachsprache mit ihnen!