Dies ist der gebündelte Versuch einer Replik auf: Karl R. Popper, Das Elend des Historizismus, was eine Replik darstellte auf: Karl Marx, Das Elend der Philosophie, was eine Replik darstellte auf: Proudhon, Die Philosophie des Elends

30.07.2007

Der Wortzauber Poppers und das geschlossene Europa

Dass Poppers Bestseller heute immer noch für aktuell gehalten wird, liegt weniger an den aktuellen Inhalten als am Unzeitgemäßen der politisch vorherrschenden Bewusstlosigkeit (vgl. Spinners "Popper und die Politik"). Unser politisches und philosophisches Bewusstsein hat sich soweit zurückentwickelt, dass wir Poppers Dogmen wieder als geschichtsträchtig empfinden können.

Poppers Bestseller wird von manchen Kreisen als ein Heiliges Buch behandelt, das nicht wissenschaftlich kritisiert und dadurch in seinen Ergebnissen fortentwickelt wird. Die Rolle der Kritik wurde vielmehr durch politische Korrektheit ersetzt. Das Zitierkartell Popper-Hayek-Albert-Topitsch-Radnitzky und linientreue Schüler verwischt Unterschiede der persönlich differierenden Lesarten des Kritischen Rationalismus/Neoliberalismus im Stile offizieller Verlautbarungen des damaligen ZKs der KPdSU: Kursänderungen, Revisionen und parteiinterne Differenzen werden kosmetisch wegretuschiert; der Kurs bleibt immer richtig und derselbe! (nur Feyerabend, Spinner, Bartley, Lakatos, Agassi, Wettersten usw. weichen hiervon ab).

Dass Poppers Methodologie und seine Sozialphilosophie eine Einheit bildeten, ist ein unbestätigtes Gerücht. Inwieweit beide kongruente oder inkongruente Züge enthielten, entzieht sich der Gesamtbeurteilung ähnlich wie die Frage, ob ein Glas Wasser halb voll oder halb leer sei. Indes kann man eindeutig die Frage beurteilen, ob die von Popper praktizierte Methodologie seiner deklarierten Methodologie entspreche. Sein geschichtsphilosophisches Traktat deklariert als Methode Fallibilismus und Theorienpluralismus; de facto praktiziert Popper gerade die Methode, die er Platon und Hegel und schließlich auch Marx vorwirft.

Zur intellektuellen Redlichkeit gehören die Mittel, deren Wahl durch den politischen Zweck (Kriegsbeitrag, Krieg der Ideen, psychologische Kriegführung, Antikommunismus, Mont Pélerin Society) geheiligt werden. Die Ergebnisse Poppers geschichtsphilosophischer Spekulation stellen eine moralische Kritik einer angeblichen Beziehung zwischen den Ideen Platons, Aristoteles, Hegels und Marx und dem Entstehen und Wirken des modernen Totalitarismus dar. Diese kommen indes nur dadurch zustande, dass die Gültigkeit dieser Ergebnisse bereits durch das von ihm gewählte Darstellungs-Genre unterstellt sind (vgl. Russell). Poppers Rationalitätsbegriff ist leer und besitzt daher überhaupt keine kritische Trennschärfe (vgl. Feyerabends Kritik an "des Kaisers neuen Kleidern"). So irrtumsunterworfen sich Popper methodologisch gibt, so absolut überzeugt verkündet er im Brustton seine persönlichen politischen Positionen (vgl. Dykes). Auf diese Weise ahmt er in der beabsichtigten politischen Wirkung sein charismatisches Führeridol Churchill nach, dessen geschichtsmächtige Siegermoral aufs Podest gehoben wird.

Die von Popper unterstellte Beziehung zwischen Ideen (und deren Frosch-Mäuse-Krieg) von Philosophen und der gesellschaftlichen Wirklichkeit ist kein Deut anders oder besser als der Idealismus Platons oder Hegels (in Gegensatz zu Feuerbach oder Marx!). Nirgendwo führt Popper für seine Thesen eine empirische Basis als Beleg an im Sinne einer empirisch bewährten soziologischen Theorie. Es ist sogar fraglich, ob für Popper derartiges überhaupt existent ist, nachdem Hayek eine Soziologie als Wissenschaft explizit bestreitet!

Historizismus: Der Beweis, dass die Zukunft nicht vorausgesagt werden kann, setzt voraus, dass wir die Zukunft kennen, zumindest insofern, was ihren nicht voraussagbaren Charakter angeht. Der Beweis ist also kein 100%ig logischer, sondern basiert auf einer metaphysischen Hypothese (die man einer bestimmten Geschichtsphilosophie einordnen muss), die nicht jeder teilen muss bzw. nicht unbedingt verbindlicher für uns sein muss als irgendeine andere geschichtsphilosophische These.

Sofern Popper in den Chor derer einstimmt, die Hegel Akkommodation an den Staat Preußen vorwerfen, so darf nicht unerwähnt bleiben, dass auch Popper gerade mit seinem Beststeller seine staatstragende Berufsrolle als Universitätslehrer für Philosophie erfüllt bzw. seine Qualifikation dafür öffentlich demonstriert hat. Muss ein Philosoph Berufsverbot erhalten, damit er als Kritiker glaubwürdig ist?! Der politische und theoretische Stellenwert der Vernunft bzw. Kritik hat Marx in seinen Manuskripten sehr viel deutlicher und dezidierter gekennzeichnet. Eine ausschließlich theoretisch existierende Vernunft, die auch in einer unvernünftigen Wirklichkeit nur das Vernünftige erkennen kann, kann nicht anders als die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse verklären: Apologetik im Sinne eines politischen Konservativismus. Da auch Popper die Beweislast für eine politische Veränderung den Veränderern auferlegt (Alternativradikalismus Reform-Revolution im Sinne der sozialdemokratischen Revisionismusdebatte, vgl. Bernstein, Kautsky), bleibt völlig unklar, inwiefern er überhaupt Hegel aus staatstragendem Konservativismus einen Vorwurf machen kann.

Wenn Popper Hegels Dialektik als kontradiktorisch im Sinne der modernen Aussagenlogik expliziert, so vertritt er damit nicht nur eine Katastrophentheorie der Kontradiktion, sondern er verkennt überhaupt die hegelsche Problemstellung. Wenn Hegel die Grundlagen der formal-analytischen wie der Aussagenlogik in Frage stellt, so kommt es einer petitio principii gleich, dieser Kritik eine Exposition gemäß den Regeln der Aussagenlogik als Argument entgegenzusetzen. Popper setzt damit genau das voraus, was Hegel bestreitet. Popper hätte sich schon auf den Boden des Universalienstreits und der philosophischen Grundlagen der Logik bemühen müssen, um sich rational mit Hegel auseinanderzusetzen.


Poppers Logizismus (die Logik ist die Idee dessen, was wahr ist) stimmt in der Kernposition überein mit dem objektiven Idealismus Platons und Hegels. Daher auch bei Popper (in Nachfolge Kants) der "Primat der Theorie". Demgegenüber hat erst Feuerbach den Materialismus geltend gemacht; Marx hat sodann, der Vorherrschaft der Universalien entgegengesetzt, die historisch-singulär existierende, gegenständliche Praxis eingeführt. Universalien existieren in der Gesellschaft als die Gesellschaftsformationen definierende Institutionen (Wert, Geld und Kapital als Formen gesellschaftlicher Beziehungen). Diesem, dem Alltagsbewusstsein natürlichen (verdinglichten) Wertplatonismen steht die historisch-individuelle gegenstandsverändernde Praxis der konkreten menschlichen Individuen gegenüber. Gegenüber den verdinglichten Formen des gesellschaftlich Bewusstseins bilden die praktisch handelnden Individuen die "wahre Existenz" des gesellschaftlichen Seins.

Kommentare:

globalmizzry hat gesagt…

Poppers Krtik verfährt nicht systematisch an den Texten der zu kritisierenden Autoren; vielmehr konstruiert er Idealtypen der kritsierten philosophischen Positionen. Da jedoch keine Kriterien oder eine nachvollziebbare Methode der Idealtyp-Konstruktion angegeben wird (noch weniger als bei Max Weber) - insbesondere die ausgezeichneten Relationen sich nicht nur nicht durch logische Kompatibilität ergegen, sondern manchmal auch ganz im Gegenteil - so muss das gewählte Verfaren einfach Popper als verbindlich abgenommen werden bzw. als willkürlich angesehen werden, das nur durch seine Zweck bestimmt ist, Karikaturen der dargestellten Philosophien abzugeben, auf dass sie besser kritisch dahin gemetzelt werden können.

Leider Gottes hat diese Popper-Methode des Anything goes! heutzutage bei vielen Möchtegern-Philosophen großen Anklang gefunden.
Hermeneutik ist nichts alles (wie etwa die Universalhermeneutik Gadamers); aber eine der philosophischen Kritik vorgeschaltete Hermeneutik der kritisierten Texte wäre durchaus angebracht!

globalmizzry hat gesagt…

"... but the long and the short of this perhaps overlong look at Popper’s deficiencies in self-criticism is, if the reader will excuse me, that with absolute faith in his own ideas, Popper never seemed to see the need to do a Popper job on Popper."

Nicholas Dykes: A Tangled Web of Guesses. A Critical Assessment of the Philosophy of Karl Popper, S. 7

globalmizzry hat gesagt…

"Was dem kritischen Rationalismus auf der von ihm selbst vorgezeichneten Fortschrittslinie – neue Probleme, neue Randbedingungen, neue Anforderungen, neue Erkenntnisse sowie Änderungen des 'Hintergrundwissens' aufgrund neuer Informationen ergeben zusammen neue Problemsituationen, für die neue, den alten überlegene Problemlösungen entwickelt werden müssen - nicht gelungen ist, hat die Tendenzwende zum konservativen Denken ohne weiteres geschafft: zwar nicht der wirkliche Stand der Problemgeschichte, aber immerhin das aktuelle, im gerade vorherrschen 'Geist der Zeit' gehaltene und so merklich reduzierte Bewusstsein davon sind wieder voll 'in Phase'."

Helmut F. Spinner: Popper und die Politik. I. Geschlossenheitsprobleme, Berlin Bonn 1978, S. 35

"Wer den Status quo kritisieren und am normalen Lauf der Dinge etwas ändern will, trägt die Beweislast! (Der versteckte Denkfehler dieser Argumentation wird in jener gängigen Variante besonders deutlich und gravierend, wenn mit einer Spitze gegen Reformpolitik schlechthin die Offenlegung der Kosten von Reformen gefordert und dabei die Folgekosten unterlassener oder aufgeschobener Reformen in der Kalkulation 'vergessen' werden.)"
S. 65

globalmizzry hat gesagt…

"Wir wollen eine konkrete Wissenschaft, die in Kalkulform übergeführt ist, eine 'Kalkulwissenschaft' nennen. In ihr sind also die betreffenden Schreibzeichen nicht Zeichen, sondern Symbole, haben für den betreffenden Fall also eine bestimmte Bedeutung oder Sinn.
Haben wir oben bei einem Kalkul drei Gebiete unterschieden (I = H, IIa = der realisierte Kalkul, IIB der mögliche Kalkul, III die Kalkulaussagen), so kommt zu diesen drei Gebieten noch ein viertes hinzu (IV.), welches den Zusammenhang des Kalkuls mit der speziellen Bedeutung festlegt, die er in dem betreffenden Falle, in der betreffenden Wissenschaft haben soll. Erst wenn Gebiet IV zu den drei übrigen dazu kommt, haben wir also eine 'Kalkulwissenschaft'."
Hugo Dingler: Philosophie der Logik und Arithmetik, München 1931, S. 61

Wenn Popper im Zusammenhang seiner Methodologie oder Sozialphilosophie "logisch" argumentiert, kann es sich demnach immer nur um 'Kalkulwissenschaft' im Sinne eines interpretierten Kalkuls handeln.
Die Schlüssigkeit seines Arguments setzt daher nicht nur die korrekte Anwendung des gewählten Kalkuls voraus, sondern seine adäquate Interpretation. Letztere Aufgabe obliegt jedoch dem rationalen Kritiker, der ja die Wahl der Waffen ausübt; nicht schon ist bewiesen, dass diese Interpretation die allein mögliche und oder auch nur sachlich richtige ist!

globalmizzry hat gesagt…

"First, Popper’s treatment contains more misconceptions about Hegel than any other single essay. Secondly, if one agrees with Popper that “intellectual honesty is fundamental for everything we cherish” (p. 253), one should protest against his methods; for although his hatred of totalitarianism is the inspiration and central motif of his book, his methods are unfortunately similar to those of totalitarian “scholars” — and they are spreading in the free world, too."

Walter A. Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy (Boston: Beacon Press, 1959), S. 88–119

http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/us/kaufmann.htm

globalmizzry hat gesagt…

"No conception is bandied about more unscrupulously in the history of ideas than “Influence.” Popper’s notion of it is so utterly unscientific that one should never guess that he has done important work on logic and on scientific method. At best, it is reducible to post hoc, ergo propter hoc."

Walter A. Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy (Boston: Beacon Press, 1959), S. 88–119

http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/us/kaufmann.htm

globalmizzry hat gesagt…

Popper, though he has written an important book on Die Logik der Forschung, “The Logic of Research,” does not find it necessary to check his hunches by research when be is concerned with influences in his Hegel chapter. He simply decrees that Hegel “represents the ‘missing link,’ as it were, between Plato and the modern form of totalitarianism. Most of the modern totalitarians are quite unaware that their ideas can be traced back to Plato. But many know of their indebtedness to Hegel” (p. 226 )."

Walter A. Kaufmann: The Hegel Myth and Its Method. From Shakespeare to Existentialism: Studies in Poetry, Religion, and Philosophy (Boston: Beacon Press, 1959), S. 88–119

http://www.marxists.org/reference/subject/philosophy/works/us/kaufmann.htm

globalmizzry hat gesagt…

„Ist die Konstruktion der Zukunft und das Fertigwerden für alle Zeiten nicht un­sere Sache, so ist desto gewisser, was wir gegenwärtig zu vollbringen haben, ich mei­ne die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden, rücksichtslos sowohl in dem Sin­ne, dass die Kritik sich nicht vor ihren Resultaten fürchtet und ebenso wenig vor dem Konflikt mit den vorhandenen Mächten.“ (Marx, MEW 1:344)

globalmizzry hat gesagt…

In welches Genre fällt "Die offene Gesellschaft"?

1.) Apologetik:
Apologetik hat drei wesentliche Funktionen:
• durch logische Argumente und wissenschaftliche und historische Beweise für die Wahrheit des Glaubens eintreten
• den Glauben gegen Angriffe von Kritikern verschiedenster anderer Weltanschauungen und Glaubensrichtungen verteidigen
• entgegengesetzte Glaubensrichtungen oder Weltanschauungen zurückweisen

2.) Soziallehre:
Poppers Beststeller fällt in Schelskys Rubrik "Soziallehren" (als Beispiele werden genannt: Eugen Rosenstock-Huessy, Eduard Heimann, ...):
"Diese Soziologien bedürfen keiner transzendentalen Theorie der Gesellschaft, weil für sie der 'Sinn' des Sozialen nicht in Frage steht, sondern weil sie ihn enstchieden haben im Glauben; sie sind unmittelbare Anwendungen von Sinnüberzeugtheiten auf das Soziale, wie es die älteren Sozialphilosophen übrigens auch, nur ohne Glaubensoffenlegung, waren; ihre Autoren verstehen sich daher mit Recht als Glaubenslehrer, als 'Zeugen', als 'Priester'."
"Ich sehe keinen Grund gegen eine solche 'Soziologie' zu opponieren als den, dass man ihren Glauben nicht hat."
(Schelsky, Ortsbestimmung ..., S. 103